Wir erleben derzeit einen kulturellen Wandel von unwägbarem Ausmaß. Anerkannte Werte des politischen und gesellschaftlichen Lebens werden in Frage gestellt oder einfach missachtet. Weltweit können wir ein neues Richtmaß erkennen: das Recht des Stärkeren, des Eigennutzes, der Gewalt. Dies droht unsere freiheitlichen Strukturen und demokratischen Normen zu zerstören. Wir alle müssen lernen, was wir dem entgegenzuhalten haben. Auch wenn wir weitgehend zum Zuschauen verurteilt sind, sollten wir dieses jedoch kritisch vollziehen, sollten wir die Mechanismen, die vor uns ablaufen, durchschauen, sollten wir als mündige Bürger Stellung beziehen können. Unter diesem Aspekt haben die Historische Gesellschaft Coburg e.V. und die Landesbibliothek Coburg eine Vortrags- und Diskussionsreihe im Herbst 2025 über tragende, aber auch vielfach umstrittene Begriffe des gegenwärtigen Wandels begonnen. Thema der ersten Serie war „Toleranz“. Die zweite, jetzt anstehende Serie wird sich in der ersten Jahreshälfte 2026 mit dem Begriff „Wahrheit“ befassen und dabei die verschiedenen Gesichter der Wahrheit erörtern. Gewonnen wurden hierfür erneut namhafte Praktiker und Wissenschaftler (Chefredakteur von CORRECTIV, Vertreter der Geschichtswissenschaft, der Praktischen Philosophie und der Rechtssprechung).
Die Last der Wahrheitsfindung im modernen Strafrecht
Referent: Gerhard Amend (Coburg)
Die Ermittlung der Wahrheit bildet das zentrale Leitprinzip des modernen Strafverfahrens. Während im gemeinen Recht die richterliche Wahrheitsfindung stark durch formalisierte Beweisregeln, Geständnissen und eine begrenzte Zahl zulässiger Beweismittel geprägt war, entwickelte sich seit dem 19. Jahrhundert ein grundlegend neues Verständnis von Beweis und Erkenntnis. Die Wahrheit im Strafprozess ist daher keine absolute, sondern eine rechtlich gebundene Wahrheit – eine Wahrheit, die nur mit zulässigen Mitteln gesucht und festgestellt werden kann.
Gerhard Amend (Coburg) Er war von 1985-1988 wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe, von 1996-1998 Oberstaatsanwalt beim Generalstaatsanwalt in Bamberg und von 1998-2015 Vorsitzender Richter der Großen Strafkammer und Jugendkammer des Landgerichts Coburg.